Sklaverei und Sklavenhandel im individuellen und kollektiven Gedächtnis: Ein kontrastiver Vergleich verschiedener lokaler Gemeinden, Generationen und Gruppierungen in Ghana und Brasilien
Projektvorhaben
Das Anliegen unserer empirischen interpretativen Untersuchung ist ein kontrastiver Vergleich der kollektiven und individuellen Gedächtnisse an die Sklaverei in verschiedenen Regionen, Generationen und Gruppierungen in Ghana und Brasilien. Aus einer wissens- und figurationssoziologischen Perspektive werden wir die Wechselwirkungen verschiedener Erinnerungspraktiken rekonstruieren.
Während für eine weiße Europäerin die Zeit des transkontinentalen Sklavenhandels zeitlich so weit zurückliegen mag, dass sie diesen nicht in Verbindung mit ihrer eigenen (Familien-)Geschichte bringt, verhält sich dies in Brasilien und in Ghana völlig anders. Hier wird im öffentlichen, aber auch im familialen Gedenken und Erinnern diese Vergangenheit – in unterschiedlichen Facetten – noch in zeitlicher Nähe erlebt und ist zum Teil mit dem Wissen um versklavte Angehörige oder Angehörige, die andere Menschen versklavten, verbunden. In beiden Ländern wird allerdings an die Geschichte des Sklavenhandels und generell der Sklaverei recht unterschiedlich bis hin zu kontrovers in den öffentlichen Diskursen oder Erinnerungsorten, im Familiendialog, von Angehörigen verschiedener Gruppierungen und in unterschiedlichen Regionen des Landes gedacht. Mit Hilfe eines kontrastiven Vergleichs von gezielt ausgewählten Regionen in Ghana und in Brasilien sollen diese insbesondere durch erheblich distinkte Verläufe in der Vergangenheit sowie durch unterschiedliche, sich wandelnde gesellschaftliche Figurationen von Bevölkerungsgruppierungen bedingten Unterschiede differenzierter herausgearbeitet werden. In Ghana planen wir eine Konzentration auf die Küstenorte Elmina und Cape Coast, von denen die Sklavenschiffe abgingen, sowie auf zwei Regionen im Norden des Landes, in denen Menschen gefangen genommen und auf Märkten verkauft wurden. In Brasilien planen wir die Forschung in der Küstenregion von Salvador de Bahia, wo die gegenwärtige Bevölkerung mehrheitlich Nachkommen ehemaliger Sklav*innen sind, und in der Region um Pelotas in Rio Grande do Sul, wo die Bevölkerung mehrheitlich europäische Vorfahren hat. Unsere forschungsleitenden Fragestellungen lauten: Was wurde in den Communities und in den Familien über die Vergangenheit tradiert? Welche Formen der Sklaverei und des (transatlantischen, transsaharischen und generell innerafrikanischen sowie innerbrasilianischen) Sklavenhandels werden von wem, wie und in welchem Kontext thematisiert? Darüber hinaus interessiert uns, was an Erinnerungsorten und in Gedenkveranstaltungen in diesen Regionen vermittelt wird, bzw. was nicht, und wer sich dabei begegnet.
Wir planen familien- und lebensgeschichtliche Interviews (wenn möglich mit mehreren Generationen in einer Familie), Gruppendiskussionen sowie thematisch fokussierte und ethnographische Interviews an den Erinnerungsorten mit den Besuchern und den Führer*innen.
Publikationen
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Zwei Projektbände in Planung: Band I (2026) und Band II (2027) im Göttinger Universitätsverlag in der Reihe "Göttinger Beiträge zur soziologischen Biographieforschung".
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Eva Bahl / Maria Pohn-Lauggas (2025): Intersektionale Figurationen in der soziologischen Gedächtnisforschung. Reflexionen aus postkolonialen Forschungskontexten. In: Sozialer Sinn 26 (1). S. 53-74.
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Steve Tonah (2023): Making the town: Afro-Brazilian Tabon returnees and the transformation of Accra from the early colonial times, Global Qualitative Sociology Network.
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Eva Bahl (2023): Challenges and ambivalences of a global micro-sociology, Global Qualitative Sociology Network.
Vorträge
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Eva Bahl (2025): Placing Memories: Which Histories Are (De-)Thematized at Memory Sites in Ghana and Brazil?, 5th ISA Forum of Sociology “Knowing Justice in the Anthropocene”, Rabat, July 10th.
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Eva Bahl (2025): Memories of Enslavement and Sexual Violence, 5th ISA Forum of Sociology “Knowing Justice in the Anthropocene”, Rabat, July 8th.
Lucas Cé Sangalli (2025): The Sociohistorical Construction of Slave Ancestry in Salaga, Ghana, 5th ISA Forum of Sociology “Knowing Justice in the Anthropocene”, Rabat, July 7th. -
Lucas Cé Sangalli (2025): Afrofuturism and the Legacies of Enslavement: Counter-Colonial Constellations in Salvador da Bahia, Brazil, Spring Conference of the Section Development Sociology/Social Anthropology (ESSA) of the German Sociological Association (DGS) “Shaping ‘Youthful Futures’ in the Global South”, Fulda, May 8–9.
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Eva Bahl (2024): “Two Ghanaian port cities as crossroads of multiple (Hi)stories: Biographical Research in Historical Sociology and Memory Studies”, Conference: Biographical research quo vadis? New and recurring challenges in the study of life (hi)stories and social change, ELTE/CEU, Budapest, September 4th.
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Lucas Cé Sangalli (2024): “Knowledge About ‘the Past’: Processes of Legitimation in the Production of and Access to the Past Among African Descendants in Brazilian ‘Quilombos’”, 4th International and Interdisciplinary Conference on Spatial Methods for Urban Sustainability (“SMUS Conference”), Chulalongkorn University, Bangkok/Thailand.
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Eva Bahl (2024): “Memories of Enslavement in Ghana and Brazil – Entanglements, Figurations, Relationalities”, 4th Workshop of the “Global Qualitative Sociology”-Network, Shue Yan University, Hong Kong. May 25th.
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Eva Bahl (2023): “Perspectivas biográficas sobre memorias colectivas pos/coloniales”, Universidad de la Frontera, Temuco, Chile. December 6th.
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Eva Bahl (2023): „Elmina and Cape Coast (Ghana) As Points of Intersection: Entangled Histories and Relational Memories“, XX ISA World Congress of Sociology, Melbourne, June 28th.
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Steve Tonah (2023): „Making the Town: Afro-Brazilian Returnees and the Transformation of Accra from the Early Colonial Times till Today“, Workshop: Global Sociology and Comparative Urbanism, University of Ghana, Legon, February 15th.
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Ruth Kaburi (2022): “Memories of Slavery: Traditional Religious Practices among the Tabom of Accra“ University of Ghana/Department of Sociology, Legon, September 30th.
Sonstiges
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Gabriele Rosenthal & Maria Pohn-Lauggas (2022): “Project Report: Preliminary findings from the first field trip to Ghana by the Göttingen team”.
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Felix Longi Y T & Dr Samuel Nana Abokyi (2022): “Project Report: Individual and collective memories of slavery and the slave trade: Preliminary Reflections from Salaga and Yendi”.
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Steve Tonah (2022): “Project Report: The Tabom of Accra, Ghana: A Study of the Integration Processes and Memories of Slavery and Slave Trade Among Descendants of Ex-Slaves and Returnees from Brazil”.
Projektleitung
Team in Deutschland