Von Gewalt, Glauben und Gehorsam. Eine biographietheoretische und diskursanalytische Studie zu ehemaligen Mitgliedern der Colonia Dignidad

Promotionsprojekt Friederike von Ass, M.A.

Das Promotionsprojekt befasst sich mit den lebensgeschichtlichen Verläufen von ehemaligen Mitgliedern der Colonia Dignidad in Deutschland. Die Colonia Dignidad war eine neureligiöse Bewegung deutschen Ursprungs, die von 1961 bis 2005 in Chile bestand und sich durch ein totalitäres System physischer, sexualisierter und psychischer Gewalt sowie umfassender sozialer Kontrolle auszeichnete. Mit der Verhaftung Paul Schäfers, dem Anführer der Gemeinschaft, im Jahr 2005 begann eine schrittweise Öffnung nach außen sowie ein Auflösungsprozess der Gruppierung. Etwa ein Drittel der rund 300 Mitglieder kehrte in diesem Zeitraum nach Deutschland zurück. Mit der Auflösung der Colonia Dignidad begann ein bis heute andauernder Aufarbeitungs- und Bearbeitungsprozess der Verbrechen, die in der Colonia Dignidad verübt wurden.

Das Promotionsprojekt schließt an diesen Moment der Auflösung der Gruppe an und untersucht folgende Forschungsfragen: Welche biographischen Handlungs- und Bearbeitungsstrukturen haben die ehemaligen Mitglieder der Colonia Dignidad im Laufe ihres Lebens entwickelt? Wie haben sie die lebensgeschichtliche Krise der Auflösung der Colonia Dignidad bearbeitet, gedeutet und in ihre biographischen Selbstkonstruktionen integriert? Zugleich wird danach gefragt, ob sich biographische Transformationsprozesse rekonstruieren lassen, und wenn ja, wie sich diese ausgestalten. Welche Funktion hat dabei der öffentliche Diskurs oder genauer: Welche Deutungsmuster des öffentlichen Diskurses greifen die Biograph:innen dabei auf und integrieren sie in ihre biographischen Selbstkonstruktionen, welche aber auch nicht – und welche transformieren sie? Diesen Fragen soll mittels eines biographietheoretischen und diskursanalytischen Vorgehens nachgegangen werden. Durch biographische Fallrekonstruktionen werden die Handlungs- und Bearbeitungsstrukturen der Befragten sowie die biographischen Transformationsprozesse rekonstruiert. Durch die Ergänzung dieser um eine Analyse des öffentlichen Diskurses lässt sich nachvollziehen, auf welche Deutungsmuster des öffentlichen Diskurses die Biograph:innen dabei Bezug nehmen.

Das Projekt leistet damit einen bedeutsamen Beitrag zur Erforschung von biographischen Wandlungsprozessen und Neuorientierungen, die ehemalige Mitglieder nach der Auflösung oder dem Verlassen einer geschlossenen religiösen Gruppierung sowie durch sich beständig verändernde öffentliche Diskurse durchlaufen.

Kontaktdaten

Friederike von Ass

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am SOCIUM in der Abteilung Lebenslauf, Lebenslaufpolitiken und soziale Integration an der Universität Bremen.

Website: Friederike von Ass

E-Mail: fvonass@uni-bremen.de