Väterliche Alltagspraxis in der Bundesrepublik Deutschland. Eine biographietheoretische Untersuchung

Promotionsprojekt Klemens Marsoner, M.A.

Das Dissertationsprojekt untersucht, wie Väter in der Bundesrepublik Deutschland Vaterschaft in ihrer Alltagspraxis gestalten, welche Handlungs- und Deutungsmuster ihrer Praxis zugrunde liegen und wie diese Muster in biographischen Selbstpräsentationen zum Ausdruck kommen. Im Mittelpunkt steht damit nicht die Frage, in welchem Umfang Väter Sorgearbeit übernehmen oder welchen normativen Leitbildern sie folgen, sondern wie Vaterschaft im Zusammenspiel von Handeln, Erleben und biographischer Selbstpräsentation hervorgebracht wird.

Den methodologischen Rahmen bildet die soziologische Biographieforschung, die im Anschluss an Fischer-Rosenthal und Rosenthal sowie an die wissenssoziologische Grundlegung bei Schütz und Luckmann entwickelt wird. Die leitende Forschungsfrage zielt auf die biographisch erworbenen Orientierungen, die väterlichem Handeln zugrunde liegen, und auf die Art und Weise, wie Väter dieses Handeln in der Erzählung ihrer Lebensgeschichte zur Sprache bringen. Die Untersuchung greift auf biographisch-narrative Interviews sowie auf Paarinterviews zurück, da väterliche Praxis sich nicht monologisch vollzieht, sondern stets im Rahmen partnerschaftlicher Aushandlungsprozesse. Methodologisch verbindet das Projekt phänomenologische und wissenssoziologische Zugänge: Ausgehend von der Lebenswelt als historisch sedimentierter, intersubjektiv geteilter Struktur erschließt die biographische Fallrekonstruktion jene impliziten Wissensbestände und Erfahrungsschichten, die väterliches Handeln orientieren.

Die Motivation, Vaterschaft auf diesem Wege zu untersuchen, liegt in der Überzeugung, dass sich das Wie des väterlichen Alltags, also die Art, wie Vaterschaft in konkreten Situationen produziert, ausgehandelt und biographisch verarbeitet wird, nur durch rekonstruktive Verfahren erschließen lässt. Quantitative Erhebungen und Einstellungsstudien können zeigen, was Väter tun und was sie wollen. Die phänomenologisch informierte Biographieforschung fragt, wie beides zusammenhängt und wie es in der gelebten Erfahrung Gestalt annimmt.