„Gemeinschaftsfremde“ und „Staatsfeinde“: Intergenerationale Handlungs- und Erinnerungsstrukturen in Familien stigmatisierter NS-Opfer in Österreich und Deutschland

Abschluss des Projektes im Oktober 2025

Das Projekt konzentrierte sich darauf, Konstitutionsprozesse von Familiengedächtnissen und die intergenerationalen Folgen der Verfolgungsvergangenheit auf Ebene von Handlungs- und Bearbeitungsstrukturen von auch nach 1945 stigmatisierten NS-Opfergruppierungen transnational vergleichend zu untersuchen. Im Fokus standen Nachkommen von Personen, die aufgrund sozialrassistischer und homophober Kategorisierungen als „Homosexuelle“, „Berufsverbrecher“ oder „Asoziale“ verfolgt wurden, sowie Nachkommen von Wehrmachtsdeserteuren und Zeugen Jehovas, die als Fahnenflüchtige und Wehrdienstverweigerer verfolgt wurden. Gemeinsam ist diesen Verfolgten, dass sie nach 1945 weiter Stigmatisierung erfuhren, spät als NS-Opfer staatlich anerkannt wurden und ihre Verfolgungsvergangenheit teils bis heute nicht in der österreichischen und deutschen Erinnerungskultur repräsentiert sind.

Für den Feldzugang arbeiteten wir mit KZ-Gedenkstätten, erinnerungspolitischen Initiativen, Netzwerken von Nachkommen, einzelnen Aktivist*innen sowie der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Jehovas Zeugen zusammen. Methodisch verfolgten wir ein methodenplurales Forschungsdesign. Kernstück stellten biographisch-narrative Interviews und biographische Fallrekonstruktionen dar. Verknüpft wurden sie mit Familienskulpturen, über die wir Nähe‑ und Distanzverhältnisse, Konfliktlinien und Loyalitätsordnungen innerhalb der Familien rekonstruierten. Um (inter-)generationale Themen und Fragen in die Analyse einzubeziehen, machten wir in allen Fällen auch Genogrammanalysen. Parallel zu den Interviews führten wir Diskursanalysen zur medialen Rezeption von Anerkennungsprozessen und erinnerungspolitischer Thematisierung der Gruppierungen durch und kontrastierten diese Diskurse mit den familialen Erzählungen. Um Leerstellen, Nicht‑Wissen und Vergessen in den Familien überhaupt fassen zu können, führten wir zudem aufwändige, quellenkritische historische (Archiv-)Recherchen durch.

Ein zentraler empirischer Befund ist, dass die erfahrene soziale und moralische Scham sowie Schuldfragen von den Nachkommen biographisch bearbeitet werden bzw. werden müssen. Die biographischen und intergenerationalen Handlungsmuster reichen von sozialen Grenzziehungsprozesse zur „sozialen Herkunft“ der Verfolgten zur Bearbeitung sozialer Beschämung bis zur Reinterpretation der Vergangenheit, um Gewalt- und Leiderfahrungen in die eigene Lebensgeschichte sinnhaft integrieren zu können. Die Familiengedächtnisse gestalten sich sehr unterschiedlich aus; ein Unterschied, der auf den jeweiligen nach 1945 existierenden unterschiedlichen – und sich lange Zeit nicht verändernden – diffamierenden öffentlichen Diskursen zu den jeweiligen Opfergruppierungen basiert. In Familiengedächtnissen werden die diffamierenden Diskurse aufgegriffen. Es zeigen sich beispielsweise Kontinuitäten sozialrassistischer Zuschreibungen auch in der Familiennarrativen. Deutlich werden jedoch auch Ambivalenzen: Aufwertende Erinnerungsnarrative wie sie für das Handeln der Deserteure durch die Friedensbewegung oder für die homosexuell Verfolgten durch die LGBTIQ-Communities existieren, können dazu führen, dass eigene (Gewalt-)Erfahrungen mit den Verfolgten nicht im Familiengedächtnis integriert werden können. Unsere Befunde bestätigen, dass für das individuelle Gedächtnis der Nachkommen und für die Ausgestaltung der Familiengedächtnisse die Existenz von Wir-Gruppen insb. von NS-Überlebensverbänden essenziell ist. Da Nachkommen häufig keinen Zugang zu diesen hatten, haben sie auch keinen Zugriff auf ein kollektives Gedächtnis, in dem die Verfolgung erinnert wird. Dies bedeutet, dass in den Familien über die Generationen hinweg, die schambesetzten familiengeschichtlichen Anteile das Familiengedächtnis formen und die Geschichte der Verfolgten langsam vergessen werden. Deutlich wird dies besonders im Kontrast zu den Familiengedächtnissen bei Jehovas Zeugen, die mit der Religionsgemeinschaft über eine starke Wir-Gruppe verfügen. In den untersuchten Familien strukturiert das kollektive Gedächtnis der religiösen Wir-Gruppe die Familiengedächtnisse.

Ein ausführlicherer Bericht auf Englisch ist hier zu finden.

Projektleitung

Projektkoordination

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Projektbezogene Veröffentlichungen

  • Schäfer, Miriam/ Könecke, Sarah (2026): „Da wird er einfach als Verbrecher dargestellt und das war er nicht“ : Deutungsprozesse von Nachkommen im Kontext marginalisierter NS-Verfolgungserfahrungen. Soziale Probleme 2026 (1). S. 23–38.

  • Pohn-Lauggas, Maria/ Könecke, Sarah / Schäfer, Miriam (2025): Project Report - “Aliens in the Community” and “Enemies of the State”: Intergenerational
    Structures of Action and Memory in Families of Stigmatised Victims of National Socialism in Austria and Germany. Newsletter RC38 - Biography and Society, Dezember 2025.

  • Schäfer, Miriam (2025): Das vermeintliche Scheitern von narrativen Interviews. Zum Erkenntnispotenzial von Interviewdynamiken. In: BIOS 37 (1-2). S. 118-137. DOI.

  • Pohn-Lauggas, Maria/Schäfer, Miriam (2024): Soziale Bedingungen von Erinnern und Vergessen: Biographische und intergenerationale Dynamiken. In: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, 1-2023, S. 50-70; DOI.

  • Könecke, Sarah (2024): Erinnerungsstrukturen in Familien von als „asozial“ verfolgten Frauen. In: Oliver Gaida und Alyn Šišić (Heftverantwortliche): Im Zugriff von Fürsorge und Polizei. Erfahrungen sozialrassistischer Verfolgung im Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung, Bd. 5. Wallstein-Verlag, Göttingen. S. 179-188.

  • Pohn-Lauggas, Maria (2023): „Dass Angst auch sein darf“: Desertion, innerfamiliale Gewalt und ihre Zusammenwirken in der Konstitution familialer Gedächtnisse. In: von Lingen, Kerstin/Pirker, Peter (Hrsg): Deserteure der Wehrmacht und der Waffen SS. Entziehungsformen, Solidarität, Verfolgung. Paderborn: Brill Schöningh. S. 319-326.

  • Pohn-Lauggas, Maria (2023): Vermittlung und Gedächtnis. Zur biographischen und intergenerationalen Weitergabe des Nicht-Erzählten. In: Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2, S. 49-62.

  • Schäfer, Miriam/Pohn-Lauggas, Maria/Kranebitter, Andreas (2023): Als ›asozial‹ und ›kriminell‹ verfolgt, als ›Penner‹ und ›Verbrecher‹ erinnert: Zu den Auswirkungen tradierter Stigmatisierung auf Erinnerung und intergenerationale Handlungsstrukturen. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 47, Heft 1/2, S. 35-56.

  • Pohn-Lauggas, Maria/Kranebitter, Andreas (2022): „Meine mundlmäßige Familie“. Zur Präsenz des Subproletarischen in Erinnerungen und Familienstrukturen von NS-Opfern. In: zeitgeschichte Jg. 49, Heft 4, 2022, S. 573-598.

Projektbezogene Vorträge

  • Pohn-Lauggas, Maria/Könecke, Sarah/Schäfer, Miriam (2025): "Biographische Deutungsmöglichkeiten im Kontext sich wandelnder Diskurse über kollektive Gewalt und NS-Verfolgung: Nachkommen von Wehrmachts-Deserteuren". 42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Duisburg-Essen, 23. September 2025.

  • Pohn-Lauggas, Maria (2025): "Soziale Distanzierung und Eigensinn: Wie Stigmatisierung und Machtungleichheit Forschungsbeziehungen rahmen" auf der Tagung "Institution - Macht - Erinnerung - Forschung im Kontext gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozesse" organisiert von Mechthild Bereswill (Universität Kassel) und Peter Rieker (Universität Zürich) in Kassel, 03.-04.04.2025.

  • Schäfer, Miriam/Könecke, Sarah (2025): "Die Suche nach der Vergangenheit in Dokumenten der NS-Verfolgung – eine Kontrastierung von Nachkommen- und Forschungsperspektive" auf der Tagung "Institution - Macht - Erinnerung - Forschung im Kontext gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozesse" organisiert von Mechthild Bereswill (Universität Kassel) und Peter Rieker (Universität Zürich) in Kassel, 03.-04.04.2025.

  • Könecke, Sarah (2025): "Die verleugneten NS-Opfer: Erinnerungen an die Verfolgung von als „asozial“ stigmatisierten Personen in Gesellschaft und Familie" organisiert vom Historischen Museum Domherrenhaus Verden und der Stadt Verden, 04.02.2025.

  • Pohn-Lauggas, Maria/Schäfer, Miriam (2024): "Remebering, Forgetting and Remembering Again. How To Approach Forgetting Theoretically and Methodologically" auf der Tagung “Biographical Research Quo Vadis?” des RC38 Biography and Society der International Sociological Association in Budapest, 04.09.-06.09.2024.

  • Schäfer, Miriam (2024): "Intergenerational Effects of Nazi Persecution on the Body and Health" auf der Tagung “Biographical Research Quo Vadis?” des RC38 Biography and Society der International Sociological Association in Budapest, 04.09.-06.09.2024.

  • Könecke, Sarah (2024): „Social Advancement in Families Persecuted and Stigmatized as So-Called ‘Asocials’” auf der Tagung “Biographical Research Quo Vadis?” des RC38 Biography and Society der International Sociological Association in Budapest, 04.09.-06.09.2024.

  • Pohn-Lauggas, Maria/Könecke, Sarah:„‘Sie haben ihn als alles Mögliche bezeichnet, als Querulant‘: Familiengedächtnisse von Familien als homosexuell verfolgter Männer“. 14. Dialogforum zu „„Queere Lagergeschichte(n) – Erinnerungen, Diskurse, Kontinuitäten“ der KZ-Gedenkstätte Mauthausen in Wien, 29.-30. September 2023. Der Vortrag ist Online abrufbar.

  • Schäfer, Miriam/Könecke Sarah (2023): “The simultaneity of persecution and perpetration - (Competing) memories of the German National Socialist past in families of stigmatized victims”. XX. ISA World Congress of Sociology in Melbourne, Australien/digital, 27. Juni 2023.

  • Pohn-Lauggas, Maria/Schäfer, Miriam (2023): “Of glue dots and familial relationships: Reflections on family sculptures in biographical multigenerational research.” XX. ISA World Congress of Sociology in Melbourne, Australien/digital, 26. Juni 2023.

  • Könecke, Sarah (2022): „Kontinuitäten eines Stigmas? Transgenerationale Auswirkungen der nationalsozialistischen Verfolgung als „asozial“ und „kriminell“ verfolgter Frauen“. Tagung „Fürsorgepolitik und "Sozialrassismus" im Nationalsozialismus“ der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer des NS-Verbrechen sowie Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in Hamburg, 06.-07.Oktober 2022.

  • Schäfer, Miriam/Könecke, Sarah (2022): "Schweigen und Sprechen über die verfolgten Vorfahren – Biographische, familien-dynamische und kollektive Prozesse der Erinnerung an stigmatisierte Opfer des Nationalsozialismus". 41. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Bielefeld, 30. September 2022.

  • Pohn-Lauggas, Maria (2022): Erinnerungspraxis und kollektives Gedächtnis. Wenn die Familiengeschichte nicht erinnert werden darf: Zur Bedeutung kollektiver Gedächtnisse für die Nachkommen von stigmatisierten NS-Verfolgtengruppierungen. Tagung "partizipativ.erinnern - Praktiken, Forschung, Diskurse" in Koblenz, 23. September 2022.

  • Pohn-Lauggas, Maria (2021): Deserteure im Familiengedächtnis. Tagung "Wehrmachstdeserteure. Neue Forschungen zu Entziehungsformen, Solidarität, Verfolgung und (digitaler) Gedächtnisbildung" vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruch in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, 16.-18. September 2021.